Samstag, 29. September 2012

Neulich am Küchentisch....

by SueFLB


... sitze ich mit einer Gruppe mir durchaus nahestehender Menschen zusammen.
Ein Pärchen erzählt vom gemeinsamen Urlaub mit Freunden, Eltern einer zehnjährigen Tochter. Das Thema kommt darauf, wie furchtbar es sei, dass dieses Mädel so „dick“ sei, sich in ihrem Alter schon nicht in ihrer Haut wohl fühle, sich nicht bewegen könne/wolle usw. Das Paar ist sich einig, dass das Mädchen wirklich deutlich übergewichtig wäre und dass sie ihren Freunden versucht hätten, klarzumachen, dass sie an der Ernährung ihrer Tochter dringend etwas ändern müssten. (Er argumentiert, dass „sie [die Tochter] da sonst nie wieder rauskäme“, sie erwähnt das Wort „Essstörung“.)

An dieser Stelle (ich muss anfügen, dass ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, wie dieses Mädel denn nun eigentlich aussieht und was hier als „übergewichtig/dick“ bezeichnet wird) wage ich einzuwerfen, ob es sich nicht vielleicht doch eher um ein gesellschaftliches Problem handelt, wie ein weiblicher Körper idealerweise auszusehen habe und dass es fragwürdig sei, einem Kind in diesem Alter schon zu verstehen zu geben, dass sein Köper nicht der vermeintlichen Norm entspricht. 


Böser Fehler... mir werden die verschiedensten Punkte um die Ohren gehauen: Gesundheitliche Aspekte, es ist nicht „normal“, dass ein Kind sich in diesem Alter nicht bewegen will, es wurde ein falsches Hungergefühl anerzogen (weil das Mädel im Restaurant meist ihren Teller leer ist – hier fiel dann nochmal das Wort „Essstörung“) und mein Favorit, dass die gesellschaftlichen Aspekte irrelevant sind, weil man a) mit seinem Kind ja eh nicht die Gesellschaft ändern könne und b) es doch wegen seines Gewichts nicht gemobbt werden soll. 


Was ich hier raushörte war das klassische „Ich kann doch mein Kind nicht dazu „missbrauchen“, die Gesellschaft zu ändern, die ist nun mal, wie sie ist, basta“ – mein Lieblings“argument“ bei solchen Diskussionen... An diesem Punkt des Gesprächs wollte ich – kaum konstruktiv, klar – bereits frustriert irgendwas gegen die Wand schmeißen, habe aber noch versucht, ruhig weiterzudiskutieren. Ob es denn nicht vielleicht besser wäre, das Selbstwertgefühl des Kindes zu steigern und ihr klarzumachen, dass sie sich mit Freude bewegen kann, egal, wie ihr Körper vermeintlich aussieht? Das Gewicht und Gesundheit zwei verschiedene Dinge sind, die nicht zwangsweise in Korrelation stehen? Und ob es denn sein kann, dass man ein zehnjähriges Mädchen zu einer Diät anhält, mit einem Körper, der sich im Laufe der Pubertät (wenn man den unbedingt davon ausgehen möchte, dass hier „Übergewicht“ vorliegt) noch verändern kann und wahrscheinlich wird? Worauf ich die knallharte Antwort erhielt (ich paraphrasiere): „Ja, wenn das Mädel fett ist, müsste sie bei mir eine Diät machen“. (An diesem Punkt wollte ich dann kotzen)

Ich habe mich dann aus der Diskussion zurückgezogen. Aber es kam noch schlimmer: Wenig später wurden die Urlaubsfotos gezeigt, auf denen natürlich auch das betreffende Mädchen zu sehen war. Und da war es dann bei mir vorbei. Ganz abgesehen davon, dass da ein (für mein Auge, auch wenn das eigentlich unerheblich ist) hübsches Mädel mit einer tollen Ausstrahlung in die Kamera lachte, war sie alles, aber nicht „fett“. Auch nicht „dick“. Vielleicht nicht dünn, mit ein bisschen Bauch, aber so what? Übergewicht, gesundheitliche Probleme, Essstörung, WTF?!? 


Es macht mich traurig und wütend, in einer Welt zu leben, in der so intelligente und eigentlich kritische Menschen wie dieses Paar im Hinblick auf fragwürdige Körpernormen so blind sein können. Es macht mich traurig, dass eine gesunde, fröhliche Zehnjährige eingeredet bekommt, ihr Körper sei falsch, unnormal, hässlich und verbesserungsbedürftig (wenn der Grundstein für eine Essstörung gelegt wird, dann hier). Und ein bisschen wütend macht mich auch, dass ich mich aus solchen Diskussionen irgendwann zurückziehe, weil ich kein Durchkommen, keinen Ansatz von Verständnis meiner Argumente sehe und nicht den Hauch einer Chance, die Leute zum Nachdenken zu bewegen.

1 Kommentar:

  1. Im geschilderten Fall scheint es richtig, den Anspruch auf einen "perfekten Body" schon im Kindesalter zu verurteilen, allerdings sollte bei sich abzeichnendem Übergewicht gegen gelenkt werden, da sich Essgewohnheiten, die zu Fettleibigkeit führen, manifestieren und aus übergewichtigen und bewegungsarmen Kindern meist auch übergewichtige und bewegungsarme Erwachsene werden, die dann oft alle damit einhergehende Zivilisationskrankheiten auf sich vereinigen.

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