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Sonntag, 14. Juli 2013

Das Link-Ding

by SueFLB


Die Woche ging mit einem ordentlichen Aufreger los, nämlich den Widerwärtigkeiten, insbesondere auf Twitter und Facebook, zur Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli.
Bei publicshaming sind die Attacken noch einmal zusammengefasst, nur mit starken Nerven lesen (engl.).
Eine spannende Analyse der Vorfälle von Nicole Selmer findet sich bei publikative.org


Da macht das Lesen schon mehr Spaß: Barbara Vorsamer schreibt auf süddeutsche.de, warum "Kleinigkeiten" wie gegenderte Bratwürste verdammt viel mit Sexismus zu tun haben und warum frau sich darüber aufregen sollte.


Ein tolles Interview mit der Schauspielerin Ellen Page lässt sich auf der Seite des Guardian lesen. Ich fand die ja schon immer sehr symphatisch, now even more so.


Anna-Katharina Messmer kommentiert auf taz.de die Debatte über einen "neuen Feminismus" und geht dabei auch auf die Ergüsse der Fleischhauers und Martensteins (auch nur mit guten Nerven lesen, *facepalms* garantiert!) ein. Schön.


Dienstag, 9. Oktober 2012

Lee Newton findet die richtigen Worte zur Mailattacke gegen Reporterin



by Helen

Im Anschluss an meinen letzten Artikel über Bullyingauf Redit möchte ich auf ein Video hinweisen, welches meine Gedanken zu dem Thema perfekt zusammenfasst.

Kurz zur Einführung: Aufhänger für das Video ist eine E-Mail, die einer Lokalreporterin aus LaCross, Wisconsin geschrieben wurde. Darin greift ein Mann, der zugibt, selten ihre Fernsehsendung zu gucken, Sprecherin Jennifer Livingston wegen ihres Gewichts an. Er geht so weit, zu behaupten, dass Livingston mit ihrem Körperbau kein Vorbild für die Community sein kann. Statt diese E-Mail an ihren, sicher auch rechtmäßigen, Platz im Papierkorb zu verfrachten, entschied sich Livingston dazu, sie in ihrer Sendung anzusprechen.
Doch anstatt eine Diskussion über Körpergewicht und die Kategorien von „Übergewicht“ und „Normalgewicht“ zu entfachen, räumte Livingston ein, dass man sie wahrscheinlich als „übergewichtig“, vielleicht sogar als „fett“, bezeichnen kann. Aber sie fügt hinzu: “I am much more than a number on a scale“.
Livingston verwehrt sich dagegen, sich über ihr Gewicht definieren zu lassen und startet stattdessen eine Diskussion, die den E-Mail-Schreiber in die Verteidigung zwingt. Sie weist darauf hin, dass Oktober „Anti-Bullying Month“ in den USA ist und stellt die Gegenfrage, ob der E-Mail-Schreiber, mit seinen Anfeindungen, nicht vielleicht eher das schlechte Vorbild sei.

Lee Newton, Teil des Moderatorenteams der Online-Nachrichtensendung „SourceFed“ auf Youtube, findet in ihrem Video zu dieser Geschichte die richtigen Worte zum Thema Bullying als gelerntes Verhalten und ich möchte mich dieser Meinung von ganzem Herzen anschließen – außer bei den Koalas ;)

„Screw the epidemic of obesity, what about the epidemic of bullying and prejudice? What kind of a role model are you if you are the asshole that’s hurtfully pointing out something the guaranteed that person already has an incredible insecurity about? We are all different […]”.




Hier auch noch das Originalvideo von Jennifer Livingston:



Mittwoch, 3. Oktober 2012

Sikhfrau verteidigt Gesichtsbehaarung nach Reddit-Post




by Helen

 
Am 21. September stellte der Redit-User „european_douchebag“ ein heimlich aufgenommenes Foto von Balpreet Kaur im Reddit Forum „Funny“ ein. Darauf zu sehen war die praktizierende Sikh Kaur, offensichtlich in der Warteschlange eines Cafés, mit T-Shirt,Rucksack, Turban und Bart. „european_douchebag“ betitelte sein Foto:  “i'm not sure what to conclude from this.” Die unglaubliche Tatsache, dass auch Frauen Körperbehaarung, im Gesicht und anderswo, haben und so selbstsicher und mutig sein können, sich sogar dazu zu entscheiden, diese zu belassen, schien einige Verwirrung bei „european_douchebag“ ausgelöst zu haben.

Im Fall von Balpreet Kaur, sind es religiöse Gründe, die sie dazu veranlassen, ihre Haare nicht zu schneiden und sich auch nicht zu rasieren. Praktizierende Sikh glauben, dass ungeschnittenes Haar Respekt vor der Schöpfung ausdrückt. Die Haare zu schneiden wird als ein Auflehnen gegen die von Gott geschaffenen Gegebenheiten verstanden.
Ganz unabhängig davon, was man über diese Form des Ausdrucks der eigenen religiösen Überzeugung denkt, so muss man doch Balpreet Kaurs Mut bewundern. Nachdem sie auf das von ihr im Internet veröffentlichte Foto aufmerksam gemacht worden war, entschied sie sich nicht etwa dafür, für seine Löschung zu sorgen. Stattdessen verfasste sie eine offenherzige Erklärung ihrer religiösen Grundsätze und postete diese, unter ihrem eigenen Namen, für alle offen zugänglich unter das von ihr geschossene Foto.

In der Nachricht heißt es, unter anderem: „I'm not embarrased or even humiliated by the attention [negative and positve] that this picture is getting because, it's who I am. Yes, I'm a baptized Sikh woman with facial hair. Yes, I realize that my gender is often confused and I look different than most women. However, baptized Sikhs believe in the sacredness of this body - it is a gift that has been given to us by the Divine Being [which is genderless, actually] and, must keep it intact as a submission to the divine will.”
Balpreet Kaur ist sich absolut im Klaren, dass sie mit ihrem Aussehen gegen tradierte (westliche) Schönheitsideale verstößt und spricht dies auch an anderer Stelle in ihrer Nachricht an. „By transcending societal views of beauty, I believe that I can focus more on my actions.”

Auf den ersten Blick ist diese Geschichte nur ein weiteres Beispiel für die Nutzung des Internets für die Diffamierung von Personen, die aus den anerkannten gesellschaftlichen Konventionen herausfallen. Eine junge Frau entschließt sich, aus ihren eigenen persönlichen Gründen (die eigentlich noch nicht mal eine Rolle spielen sollten), sich nicht dem Diktum der herrschenden Schönheitsideale und Geschlechterstereotype zu beugen und wird dafür öffentlich an den Pranger gestellt. Der Unterscheid zu anderen Geschichten dieser Art besteht darin, dass sich Balpreet Kaur nicht einschüchtern ließ. Im Gegenteil, sie bezog mutig, ehrlich und offenherzig Stellung gegen den Spott – und trat eine Welle der Unterstützung und des Respekts los.

Unter Kaurs Reddit-Eintrag finden sich inzwischen mehr als 500, überwiegend positive, Kommentare. Leute sprechen ihr ihre Unterstützung aus, bekunden Respekt oder erzählen von ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung. Die Geschichte hat es bis in australische und englische Tageszeitungen, auf zahlreiche Blogs und in die Online-Nachrichtensendung „The Young Turks“ geschafft. Am 25. September entschuldigte sich „european_douchebag“ mit einem weiteren Reddit-Post bei Balpreet Kaur, allen Sikhs und der Reddit-Community. „I posted the picture of a Sikh woman on here and I'd like to apologize. […]I know that this post ISN'T a funny post but I felt the need to apologize to the Sikhs, Balpreet, and anyone else I offended when I posted that picture. Put simply it was stupid. Making fun of people is funny to some but incredibly degrading to the people you're making fun of. It was an incredibly rude, judgmental, and ignorant thing to post.”
Er erkannte an, dass sein Post intolerant und rassistisch war und erklärte, dass er sich auch in einer privaten E-Mail bei Balpreet Kauer entschuldigt hätte und ein Treffen an ihrer Uni geplant ist.

Nun könnte man die pessimistische Position beziehen und sagen, dass die Entschuldigung wahrscheinlich nur dem ausgeübten Druck geschuldet ist, dass sie, selbst wenn sie ernst gemeint ist, nur ein Einzelfall ist und dass Reddit und andere Foren weiterhin Orte sein werden, an denen, in der Anonymität des Internets, Diskriminierungen aller Art weiterhin an der Tagesordnung bleiben werden.
Oder man kann all das zwar stehen lassen, aber auch zumindest den Silberstreifen am Horizont sehen und anerkennen, dass das Internet auch den Chancenausgleich schafft. Eine Stimme verleihen und Communities generieren kann, in denen Anfeindungen aufgefangen werden können und man sich wehren kann. Ich wäre ja eher für Option zwei. Nennen wir es realistischen Optimismus.