by Helen
Am 21. September stellte der Redit-User „european_douchebag“
ein heimlich aufgenommenes Foto von Balpreet Kaur im Reddit Forum „Funny“ ein.
Darauf zu sehen war die praktizierende Sikh Kaur, offensichtlich in der
Warteschlange eines Cafés, mit T-Shirt,Rucksack, Turban und Bart. „european_douchebag“
betitelte sein Foto: “i'm not sure what to conclude from this.”
Die unglaubliche Tatsache, dass auch Frauen Körperbehaarung, im Gesicht
und anderswo, haben und so selbstsicher und mutig sein können, sich sogar dazu
zu entscheiden, diese zu belassen, schien einige Verwirrung bei
„european_douchebag“ ausgelöst zu haben.
Im Fall von Balpreet Kaur, sind es religiöse Gründe, die sie
dazu veranlassen, ihre Haare nicht zu schneiden und sich auch nicht zu
rasieren. Praktizierende Sikh glauben, dass ungeschnittenes Haar Respekt vor
der Schöpfung ausdrückt. Die Haare zu schneiden wird als ein Auflehnen gegen
die von Gott geschaffenen Gegebenheiten verstanden.
Ganz unabhängig davon, was man über diese Form des Ausdrucks
der eigenen religiösen Überzeugung denkt, so muss man doch Balpreet Kaurs Mut
bewundern. Nachdem sie auf das von ihr im Internet veröffentlichte Foto
aufmerksam gemacht worden war, entschied sie sich nicht etwa dafür, für seine
Löschung zu sorgen. Stattdessen verfasste sie eine offenherzige Erklärung ihrer
religiösen Grundsätze und postete diese, unter ihrem eigenen Namen, für alle
offen zugänglich unter das von ihr geschossene Foto.
In der Nachricht heißt es, unter anderem: „I'm not embarrased or even humiliated by
the attention [negative and positve] that this picture is getting because, it's
who I am. Yes, I'm a baptized Sikh woman with facial hair. Yes, I realize that
my gender is often confused and I look different than most women. However,
baptized Sikhs believe in the sacredness of this body - it is a gift that has
been given to us by the Divine Being [which is genderless, actually] and, must
keep it intact as a submission to the divine will.”
Balpreet Kaur ist sich absolut im Klaren, dass sie mit ihrem
Aussehen gegen tradierte (westliche) Schönheitsideale verstößt und spricht dies
auch an anderer Stelle in ihrer Nachricht an. „By transcending
societal views of beauty, I believe that I can focus more on my actions.”
Auf den ersten Blick ist diese Geschichte nur ein weiteres
Beispiel für die Nutzung des Internets für die Diffamierung von Personen, die
aus den anerkannten gesellschaftlichen Konventionen herausfallen. Eine junge
Frau entschließt sich, aus ihren eigenen persönlichen Gründen (die eigentlich
noch nicht mal eine Rolle spielen sollten), sich nicht dem Diktum der
herrschenden Schönheitsideale und Geschlechterstereotype zu beugen und wird
dafür öffentlich an den Pranger gestellt. Der Unterscheid zu anderen
Geschichten dieser Art besteht darin, dass sich Balpreet Kaur nicht
einschüchtern ließ. Im Gegenteil, sie bezog mutig, ehrlich und offenherzig
Stellung gegen den Spott – und trat eine Welle der Unterstützung und des
Respekts los.
Unter Kaurs Reddit-Eintrag finden sich inzwischen mehr als
500, überwiegend positive, Kommentare. Leute sprechen ihr ihre Unterstützung
aus, bekunden Respekt oder erzählen von ihren eigenen Erfahrungen mit
Diskriminierung. Die Geschichte hat es bis in australische und englische
Tageszeitungen, auf zahlreiche Blogs und in die Online-Nachrichtensendung „The Young Turks“
geschafft. Am 25. September entschuldigte sich „european_douchebag“ mit einem
weiteren Reddit-Post
bei Balpreet Kaur, allen Sikhs und der Reddit-Community. „I posted the picture
of a Sikh woman on here and I'd like to apologize. […]I know that this post
ISN'T a funny post but I felt the need to apologize to the Sikhs, Balpreet, and
anyone else I offended when I posted that picture. Put simply it was stupid.
Making fun of people is funny to some but incredibly degrading to the people
you're making fun of. It was an incredibly rude, judgmental, and ignorant thing
to post.”
Er erkannte an, dass sein Post intolerant und rassistisch
war und erklärte, dass er sich auch in einer privaten E-Mail bei Balpreet Kauer
entschuldigt hätte und ein Treffen an ihrer Uni geplant ist.
Nun könnte man die pessimistische Position beziehen und
sagen, dass die Entschuldigung wahrscheinlich nur dem ausgeübten Druck
geschuldet ist, dass sie, selbst wenn sie ernst gemeint ist, nur ein Einzelfall
ist und dass Reddit und andere Foren weiterhin Orte sein werden, an denen, in
der Anonymität des Internets, Diskriminierungen aller Art weiterhin an der
Tagesordnung bleiben werden.
Oder man kann all das zwar stehen lassen, aber auch
zumindest den Silberstreifen am Horizont sehen und anerkennen, dass das
Internet auch den Chancenausgleich schafft. Eine Stimme verleihen und
Communities generieren kann, in denen Anfeindungen aufgefangen werden können
und man sich wehren kann. Ich wäre ja eher für Option zwei. Nennen wir es
realistischen Optimismus.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen